Montag, 27. Januar 2014

Bestseller schreiben leicht gemacht

C. S. Lakin ist eine US-amerikanische Autorin, die bereits seit ein paar Jahren eBooks schreibt. Sie hat über ein Dutzend Titel veröffentlicht, ohne damit einen Bestseller gelandet zu haben.
Anstatt so weiterzumachen wie bisher, hat sie ein Experiment gewagt – mit einem Ergebnis, das sich lohnt, genauer zu betrachten.


Sie hat sich die Frage gestellt, was wichtiger sei: das Genre, in dem ein Roman erscheint, oder die Bekanntheit des Autors.
Dafür hat sie sich ein Pseudonym gegeben, um als unbekannter Autor auftreten zu können. Sie hat bewusst auf eine eigene Homepage verzichtet. Sie hat keine Facebook-Seite eingerichtet und kein Konto bei Twitter aufgemacht.
Sie hat etwas anderes gemacht.
Sie hat sich die Bestsellerlisten bei Amazon betrachtet. Und sich ein Genre ausgesucht, das nicht unbedingt in den Top-Bestsellern vertreten ist, aufgrund der Platzierungen der Bände aber solide Verkaufszahlen erwarten lässt.
Dafür hat sie sich romantische Western ausgesucht, ein Genre, in dem sie unter ihrem richtigen Namen noch nie etwas geschrieben hat.

C. S. Lakin hat sich einen Titel, den sie für exemplarisch hielt, gekauft – und ihn auseinandergenommen.
Sie hat seine Struktur analysiert, seinen inneren Aufbau, die Protagonisten, die Dramaturgie. Sie hat ihn nicht kopiert, sondern einfach nur sein Innenleben betrachtet. Und sich dann hingesetzt und ihren eigenen Roman geschrieben.
So, als ob man in ein Kochbuch schaut, sich die Zutaten notiert und sich dann selbst ans Kochen macht.

Das Ergebnis?
Sie hat 1500 Exemplare in drei Wochen verkauft. Zum Preis von 3,99. Ohne Select, ohne 99 Cent-Aktion.
Das ist natürlich kein Top-Bestseller. Aber darum ging es ihr auch nicht. Es ist ein Verdienst von 3600 US$ in drei Wochen. Wer Schreiben zu seinem Vollzeitberuf macht, wird erleichtert aufatmen, wenn er jemals diesen Schnitt erreicht.
Sie nennt das Beispiel einer Autorin, die von ihrem ersten Roman – im Genre romantische Western – 80.000 Verkäufe erzielt hat. Und das bis heute ohne eigenen Auftritt im Internet. Es ist also sogar Luft nach oben.

Was zeigt dieses Experiment?
Eines vorab: es ist keine Garantie für irgendeinen Erfolg! Es geht darum, was den Lesern wichtig ist. Nicht uns Autoren. Oder was wir für wichtig halten. Sondern den Lesern.
Den Lesern ist eines wichtig: dass sie einen Roman bekommen, der gut geschrieben ist und ihre Erwartungen erfüllt.
Mehr nicht. Punkt.
Mehr nicht. Und doch ist es alles andere als leicht, sich als Autor daran zu halten.

Genre-Autoren weisen seit den ersten eBook-Ratgebern auf einen Punkt hin: kenne deine Leser.
Verstehe die Gesetzmäßigkeiten eines Genres, verstehe die Erwartungen, die die Leser an dieses Genre haben – und erfülle sie.
Damit ist der Erfolg nicht vorprogrammiert. Aber die Chancen dafür steigen deutlich.
Viele (überraschend erfolgreiche) Autoren machen das intuitiv. Sie schreiben das, was sie als Leser interessiert und treffen damit genau den Geschmack, den die übrigen Leser haben.

Ich kenne mich.
Ich weiß, was ich gerne lese, und ich weiß, wie sehr ich mich damit – als Leser wie als Autor - auf dem aktuellen Buchmarkt schwer tue. Ich bin mit Science-Fiction- und Fantasy-Geschichten aus dem 1930ern bis 1970ern aufgewachsen. Und ich versuche beim Schreiben, diese Stimmung einzufangen.
Und dummerweise kann ich mit Tolkien und epischer Quest-Fantasy nicht viel anfangen. Oder mit glitzernden Vampiren.
Damit weiß ich eigentlich schon im Voraus, dass ich wohl kaum einen Bestseller landen kann – zumindest nicht mit den Ideen, an denen mein Herzblut hängt. Selbst wenn mein Name in Genre eine gewisse Bekanntheit erlangen sollte.

Wäre es also nicht vernünftiger, dieses Experiment nachzumachen?
Ja, wäre es. Definitiv.
Aber dann wäre ich nicht der Autor, der ich sein möchte - mit meinen eigenen versponnenen Ideen, mit meinem inneren Bild vor Augen, wie ich Geschichten erzählen möchte.
Kann ich jedem (bisher) wenig erfolgreichen Autor empfehlen, sich auf dieses Experiment einzulassen?
Ich kann zumindest empfehlen, sich den gedanklichen Ansatz dahinter bewusst zu machen. Will man seine Geschichten verkaufen, müssen sie in erster Linie die Erwartungen unserer Leser erfüllen. Und danach erst unsere eigenen.
Man kann Leser nicht zwangsbeglücken. Gefallen ihnen Romane nicht, gefallen sie ihnen nicht. Selbst wenn sie gut geschrieben sind. Wer da als Autor aufsteht und sich beschwert „die wissen alle nicht, was gute Literatur ist!“, soll sich bitte hinsetzen und schweigen.
Man kann Leser nicht dazu zwingen, etwas zu lesen, was sie nicht wollen. So wie man sich als Autor nicht (auf Dauer) dazu zwingen kann, etwas zu schreiben, was man nicht will. Und sei es noch so erfolgversprechend.

Es ist aber auch die Frage, wie viel Aufwand man betreiben muss, sich selbst als Marke und Name bekannt zu machen. Wie viel Auswirkung haben als all die Facebook-Beiträge und Twitter-Posts, mit denen wir krampfhaft versuchen, uns noch einen und noch einen Freund zu erhaschen?
Offensichtlich deutlich weniger, als man annimmt oder einem geraten wird.
Es kann nicht schaden, Leute zu haben, die einem in Social Medias folgen. Natürlich nicht. Aber sie sagen eben in erster Linie etwas über deinen Erfolg auf Facebook oder Twitter aus. Und nicht unbedingt etwas über deinen als Autor.

Auf eines muss man allerdings bei C. S. Lakins Experiment hinweisen.
Sie hat ihre vorhandene Bekanntheit indirekt doch ausgenutzt. Sie hat befreundete Autoren gebeten, Kundenkommentare zu schreiben. Sie konnte einen Redakteur zu einer Rezension in einer Zeitung bewegen.
Sie hat also durchaus ihre Möglichkeiten ausgenutzt. Aber, ganz wichtig, es waren professionelle Kontakte. Ihr hat das Networking als Autorin geholfen. Und auf die kleinen Gefallen gesetzt, die man sich als Kollegen untereinander erweist.
Ihr hat es geholfen. Das klassische Vitamin B unterstützt also nach wie vor die Gesundheit eines Autors. Andere haben es ohne das geschafft. Sie haben sich auf das einzige, so leichte und doch so vertrackte, Ziel konzentriert:

Schreibe einen guten(!) Roman und erfülle die Erwartungen deiner Leser.
Oder anders gesagt:
Ein Roman sagt mehr als tausend Tweets.

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Lakins Beitrag auf The Book Designer: Genre versus author platform?Which matters more?

Kommentare:

  1. Hallo Thomas,
    dein Artikel gefällt mir und trifft den Nerv "Meine-Schriftstellerseele-kann- nicht-aus-ihrer-Haut". So habe ich zum Beispiel überlegt, ein bisschen Geld mit Heftromanen zu verdienen, kriege aber Hörnchen, wenn ich nur den ersten Satz schreibe. Meine Arbeiten gehören keinem eindeutigen Genre an, sind allein deshalb schon schwer zu vermarkten. Hast du Verlagserfahrungen gemacht?

    Viele Grüße
    Karla Anansi

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  2. Hallo Karla,
    ich habe es in all den Jahren bewusst vermieden, auf Verlage zuzugehen. Weil ich ungern bereit bin, bei meinen Geschichten Kompromisse einzugehen (Ausnahmen bestätigen die Regel) und aus der Hand zu geben.
    Zum "eindeutigen Genre" sollte ich in der nächsten Zeit auch noch mal einen Blog schreiben - allerdings geht es dabei mehr um die Leser, nicht um die Verleger. Das heißt, um die, auf die es eigentlich ankommt. ^^

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  3. Hallo Thomas, ein wirklich interessanter Ansatz der Autorin - gleichzeitig aber bin ich ganz bei dir: "ich wäre nicht die Autorin, die ich bin". lg Barbara

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  4. Hi Thomas,
    Erst einmal vorweg: Ein sehr schöner Artikel der einen Autor zum Nachdenken anregen kann. Ich persönlich kann aber die Meinung von C.S. Lakin und ihre Vorgehensweise nicht teilen. Es sind nicht unbedingt die bewährten Ideen bzw. Elemente, die den Erfolg eines Buches ausmachen. Es geht vor allem einen bislang unangesprochenen Nerv zu treffen. Nehmen wir als Beispiel J.K. Rowlings Harry Potter Romanreihe.
    Es geht dort um einen Jungen der eine Schule besucht in der man Zauberei und Hexerei lernt. Als junger Schüler flüchtet man sich gerne in so eine Welt, in der der Schulalltag deutlich aufregender und spannender zu sein scheint als ihrer. Erwachsene fühlen sich an ihre langweilige Schulzeit erinnert und denken sich beim Lesen: "Wow! Auf diese Schule wäre ich gern gegangen!"

    J.K. Rowling hat in ihrem Roman zwar auf bekannte Elemente zurückgegriffen, aber sie hat vor allem eines getan: Den Nerv der Leser getroffen. Wäre das Element Schule nicht gewesen, glaube ich kaum, dass der Roman so erfolgreich gewesen wäre.
    Mein Fazit lautet: Man braucht zwar bekannte Elemente, aber man braucht vor allem eines: Ein nie zuvor dagewesenes Element, das die Leser anspricht!

    Desweiteren habe ich mir mal die Freiheit genommen und die Autorin ein wenig überprüft. Keines ihrer Bücher ist bei einem der großen Verlage erschienen, von daher ist die Aussicht auf einen großen Erfolg sowieso ziemlich gering...
    Ich weiß, dass es schwierig sein kann, von einem Verlag veröffentliht zu werden, aber wenn man diesen Schritt schafft, dann ist man Einkommensmäßig auf jeden Fall schonmal im Plus ;)

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    1. Gerade Harry Potter ist ein Paradebeispiel dafür, wie man eine konventionelle Idee durch die individuelle Phantasie zu etwas Eigenem macht.

      Unter dem Strich geht es um einen Außenseiter, der wegen seiner Herkunft verachtet wird und der sich gegen andere zur Wehr setzen muss - Mitschüler, Lehrer oder eben in übersteigerten Form denjenigen, dessen Name man nicht aussprechen darf.
      Auch seine beiden besten Freunde sind Außenseiter.

      Das trifft den Nerv vieler Jugendlicher, gerade zu Beginn der Pubertät. Vor allem, wenn man nicht zur angesagten In-Clique zählt. Und ist als Grundthema in vielen Jugendromanen schon behandelt worden.
      JKR hat also schon auf erprobtem Terrain gearbeitet. Bei ihr kommt eben ihre persönliche Phantasie hinzu. Ihre Fähigkeit, eine lebendige Umwelt zu erschaffen, in der man sich trotz aller Fremdartigkeit heimisch fühlen kann.

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