Donnerstag, 24. Juli 2014

Amazon und seine Vier-Klassen-Gesellschaft von Autoren

Amazon hat mit KDP eine Plattform erschaffen, auf der Self-Publisher mehr eBook-Verkäufe erzielen können als je zuvor.

Amazon hat seit 2011 innerhalb von drei Jahren damit aber auch etwas geschafft, was davor niemandem in dieser Deutlichkeit in der gesamten Buchbranche gelungen ist: eine eigene Vier-Klassen-Gesellschaft von eBook-Autoren zu erschaffen.
Diese Klassengesellschaft ist nicht einmal verdeckt oder verschlüsselt: je mehr du dich an Amazon bindest und beweist, dass du kommerziell erfolgreich bist, desto höher steigst du in den Klassen auf.

Der viertklassige Autor:
Dieser bietet seine eBooks über KDP zum Verkauf an. Er nutzt nicht Select.
Er erhält dafür keine kostenlosen Tage zum Bewerben seiner Titel, ebenso wenig können seine eBooks von Prime-Kunden ausgeliehen werden. So richtig gebunden ist er an Amazon eigentlich gar nicht. Mit einem Überraschungserfolg kann es dieser Autor aber trotzdem schaffen, die nötige Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber, ja, es wäre eine Überraschung.

Der drittklassige Autor:
Er bindet sich mit Select exklusiv an Amazon (immer in 90-Tage-Schritten), nutzt die fünf kostenlosen Tage, schafft es aber nie, so richtig in die oberen Ränge reinzukommen und einen substanziellen kommerziellen Erfolg zu erzielen - weder für sich noch für Amazon. Das dürften die meisten Autoren sein (nicht ärgern: Hand heben, wie viele von denen, die hier gerade lesen, ausschließlich von ihren eBook-Verkäufen leben), und Amazon hat nicht wirklich etwas von ihnen, außer in der Masse.

Der zweitklassige Autor:
Glückwunsch! Dieser bindet sich exklusiv an Amazon, nutzt Select und hat es geschafft, sich in den oberen Rankings zu platzierten. Und verdient damit sich und Amazon richtig Geld. Er erhält dafür vielleicht sogar ein Marketing-Schaufenster, eventuell auf der Startseite, mit Foto, und darf seine nächsten eBooks mit Vorbestellungen anbieten.

Das ist eigentlich schon mehr, als sich die meisten Autoren ernsthaft erträumen können, zumindest hinsichtlich des kommerziellen Erfolgs. Aber es ist dennoch nur zweitklassig.

Der erstklassige Autor:
Erstklassig wird man erst, wenn man es geschafft hat, von Amazon ins eigene Verlagssortiment von Amazon Publishing gebeten zu werden. Ob man dieses Angebot annimmt oder ausschlägt, bleibt einem dann natürlich selbst überlassen.
Aber lässt man sich darauf ein, lockt die Veröffentlichung in gedruckter Form. Und das sogar auf internationalen Parkett (also eigentlich dem angloamerikanischen Raum). Und erreicht das, was für viele Self-Publisher unter dem Strich wohl nach wie vor das eigentliche Ziel ist - von einem richtigen Verlag aufgenommen zu werden. Irgendwie.

Natürlich gibt es in der klassischen Buchbranche eine ähnliche Unterteilung. Sie läuft halt versteckter ab.
Bestseller-Autoren werden ganz anders behandelt und erhalten andere Honorare als sogenannte Midlist-Autoren. Vom Marketing-Engagement des Verlags ganz zu schweigen. Und wer über den Amazon-Status des drittklassigen Autors nicht hinauskommt, erlebt in vielen Mainstream-Verlagen oftmals seine dritte Veröffentlichung nicht, wenn überhaupt die zweite.
Niemand verbindet das aber so konsequent mit einem Belohnungssystem wie Amazon. Das einen immer weiter an das System KDP bindet.

Amazon ist in dieser Hinsicht zugegebenermaßen offen und ehrlich - es tut nicht so, als ginge es ihm um ein Kulturgut oder irgendeinen höheren Wert. Es geht ihm, wie jedem börsennotierten Unternehmen, um den Gewinn. Und eine verbesserte Positionierung am Markt. Und es wird alles tun, um seine Assets (die gut laufenden Autoren) so gut wie möglich zu behandeln, um weiter von ihnen zu profitieren.

Was Amazon von Verlagen unterscheidet ist, dass es am Ende doch nur ein Gemischtwarenhändler ist, der Verlag spielt.
Selbst auf der Stufe zum zweitklassigen Autor bleibt alles Risiko und alles an Kosten (Lektorat, Cover, Formatierung, Marketing) alleine am Autor hängen. Amazon schöpft dann mit seinem Verlagsangebot den Rahm ab. Ohne bis dahin selbst jemals in Vorleistung gegangen zu sein.

Und darf sich gewiss sein, dass es Autoren gibt, die sich darüber freuen ...

Kommentare:

  1. Hm, dann war ich also kurze Zeit ein zweitklassiger Autor ... Ich stehe nicht mehr auf Platz 1, aber verdiene dennoch recht gut mit schreiben. Aber nein, leben kann ich nicht alleine davon.

    Vielleicht kommt das noch. Ich bin Lebensoptimist, aber auch realistisch. Ich versuche mich stets zu verbessern und gelerntes umzusetzen.

    Aber niemand weiß leider, wie sich der Buchmarkt generell entwickelt - sowohl für Verlage, wie auch für uns Selfpublisher ...

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  2. Im Grunde sehe ich es durchaus ähnlich, was die klare Verteilung von Gunst seitens Amazons angeht, aber bei den ersten beiden "Klassen" würde ich deutlich widersprechen: Die von Dir beschrieben zweite Klasse ist für mich viel spannender und lukrativer. Amazon Publishing ist mal eine Variante, aber nicht zwangsläufig ein Aufstieg. Vielleicht sehe ich das auch nur so, weil mein "eigentliches Ziel" nie ein richtiger Verlag war. Wir leben in einer Zeit, wo ein Verlag gute Argumente haben muss, um mich vom Selfpublishing wegzulocken …

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    1. Und die guten Argumente braucht eben auch Amazon als Verlag. Dis bislang sehe ich aber nicht.

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