Mittwoch, 2. Juli 2014

eBooks für 99 Cent? Eher nicht

Seit Januar 2011 führe ich eine Statistik über alle meine eBooks. Die im Verlag und meine eigenen Titel: zu Arbeitszeit, Kosten, Verkäufen, break-even point. Ich kann also genau sehen, welche eBooks mir Geld einbringen, welche wenigstens ihre Kosten eingespielt haben – und welche eben nicht.
Und bei Letzteren kann ich dann aufgrund der Monatsstatistiken abschätzen, ob oder wann sie wenigstens die schwarze Null erreichen.


Dabei ist mir eines mit überraschender Deutlichkeit aufgefallen.
Fast alle eBooks aus meinem Sortiment (bis Ende letzen Jahren 320+ Titel, inzwischen ca. 250), die in den roten Zahlen stecken, sind die für 99 Cent.

Der teuerste Band in meinem Sortiment ist ein Science-Fiction-Klassiker für 8,99. Er hat sich bisher über 1700 Mal verkauft. Das ist für einen 50 Jahre alten Romanzyklus in einem Nischengenre ein erfreulicher Wert. Kein Bestseller, aber eben sehr solide.
Damit eines meiner eBooks für 99 Cent denselben Umsatz erwirtschaftet, müsste es sich bei Amazon über 30.000 Mal verkaufen. Nicht nur neun Mal so gut, sondern dank der 35/70 %-Regel achtzehn Mal. Das ist eine Größenordnung, die selbst Verlage mit Taschenbüchern längst nicht immer erreichen.

Es gibt Genres, in denen man größere fünfstellige Downloadzahlen erreichen kann, sowohl als Verlag wie als Self-Publisher, keine Frage.
Aber das ist schon die erste Frage, die man sich stellen muss: schreibe ich für ein Genre, in dem ich solche Zahlen erwarten kann? Wenn nicht, sollte man als Autor einen Preis von 99 Cent für sein eBook nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn man vom Schreiben leben will.

Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um Aktions- oder Einführungspreise! Diese können nach wie vor eine probate Methode sein, um sich am Markt zu platzieren. Es geht um einen dauerhaft angelegten Preis von 99 Cent.

Es gilt das altbekannte Mantra, das sich Autoren stets vor Augen führen sollten, und das gleich in zweifacher Hinsicht.

Kenne deine Leser

und

Kenne deine Nische

Wer – wie ich – in Genres zu Hause ist, bei denen man vernünftigerweise keine hohen Verkaufszahlen erwarten darf, sollte seinen Preis dementsprechend kalkulieren.
Wie viele Kosten sind bei der Erstellung des eBooks angefallen? Mit wie vielen Lesern kann man erfahrungsgemäß rechnen (und hier hilft nur die Erfahrung oder eine gute Kenntnis des Genres). Habe ich 2000 Euro investiert und kann mit 1000 Lesern realistisch rechnen (das ist übrigens mehr als so manches Verlags-Hardcover erreicht …), muss ich bei Amazon den Preis bei mindestens 2,99 Euro ansetzen, um wenigstens meine Kosten (nach Abzug der Steuern, die muss man ja auch einkalkulieren …) einzuspielen.

In sich geschlossene Einzelromane für 99 Cent zu veröffentlichen, halte ich für eine wenig effektive Vorgehensweise.
Die Entwicklung am Markt, und damit auch bei den Lesern, zeigt zudem, dass 99 Cent inzwischen eher als Dumpingpreis gesehen werden, der mit schlechter Qualität in Verbindung gebracht wird.
Man tut sich also nicht nur finanziell keinen Gefallen, sondern im schlimmsten Fall auch den Renommee des Romans (und damit sich selbst) keinen.

Anders kann die Überlegung aussehen, wenn man ein Serial von kurzen Folgen schreibt, entsprechend einer Serienstaffel im Fernsehen.
In diesem Fall kann es sich rechnen (kann, muss aber nicht). Zumindest hat man dann mehrere Titel mit seinem Namen veröffentlicht und kann damit für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgen.
Natürlich sollte man auch hier darauf achten, ob ein Serial zum Genre passt.
Sind die Leser bereit, sich auf kurze, episodenhafte Geschichten einzulassen oder bevorzugen sie einfach längere, in sich geschlossene Romane? Lesegewohnheiten ändert man als einzelner Autor nicht. Das sollte man gar nicht erst versuchen. Die Leser entscheiden, wie sie lesen wollen.

Michael Meisheit hat zu seinem eBook-Serial "Im falschen Film" seine Erfahrungen zusammengefasst. Sie decken sich in vielen Bereichen mit meinen eigenen..
Falls man ein Serial plant, sollte man gleichzeitig den Sammelband mit allen Folgen einer Staffel mit einplanen. Es wird Leser geben, die die Episoden aus Prinzip nicht kaufen werden, selbst wenn sie Thema oder Autor reizt. Sie werden auf die Compilation warten. Die sich dann zudem auch als Taschenbuch wieder effektiver vermarkten lässt.

99 Cent sind als Preis nach wie vor eine Option. Aber nur, wenn man ganz genau weiß, warum man ihn einsetzt. Grundsätzlich würde ich inzwischen aber davon abraten.

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