Samstag, 1. November 2014

Wer stört meine Ruhe? - Kleine Geschichte zu Halloween, Allerheiligen oder Allerseelen

WER STÖRT MEINE RUHE? 

Zuerst war es nur ein leichtes Schaben gewesen. Ich war mir im ersten Augenblick nicht einmal sicher, ob ich es wirklich gehört hatte. Unwillig legte ich meinen Kopf zur Seite und versuchte wieder einzuschlafen.

Dann jedoch hörte ich es erneut. Ein gleichmäßiges Kratzen, das kraftvoll durchgeführt wurde. Immer wieder unterbrochen von einem Augenblick der Stille. Und das Geräusch wurde zunehmende lauter. Etwas entnervt ließ ich meinen Kopf auf das modrige Kissen sinken. Ich blickte mich mit hohlen, leeren Augen um, ohne in der Dunkelheit das Geringste erkennen zu können. Also versuchte ich mich zu entspannen und wieder zu meiner inneren Ruhe zurückzufinden.
Ein kräftiger Schlag ertönte über mir. Von dort oben klang unterdrückt eine Stimme zu mir durch. Sie wirkte hektisch und aufgeregt; viel zu lebendig für mein Empfinden. Der nächste Schlag brachte das Holz über mir zum Splittern. Holzspäne rieselten auf meinen ehemals teuren Anzug. Nun war ich wirklich dabei, die Geduld zu verlieren. Ich stemmte meine Arme nach oben und drückte den Deckel meines Sarges mit aller Wucht empor. Die einst glänzend lackierte Oberfläche knirschte unter der Belastung und wölbte sich unaufhörlich nach außen. Die metallenen Bolzen an den Seiten ächzten und brachen schließlich mit einem knirschenden Geräusch. Ein Körper polterte schwer gegen den Deckel und drückte ihn wieder leicht nach unten, begleitet von einem überraschten Aufschrei.
Die Maden in meinen Armen verliehen mir jedoch mehr Kraft als einem Lebenden jemals zuteil wird, und so wuchtete ich die Last ungerührt zur Seite. Ich konnte die Angst des jungen Mannes, der halb unter dem Sargdeckel begraben lag, förmlich riechen. Seine Hände fuchtelten durch die Luft. Angsterfüllt blickten seine großen Augen nach oben. Ich hob den Kopf an, wobei die brüchige Haut am Hals knirschte, und folgte dem Blick. Für einen Moment konnte ich im fahlen Mondlicht noch die Umrisse eines zweiten Mannes erkennen, der hastig von der Kante zurückwich.
Meine zerfressene Hand ruckte vor und packte den Eindringling an der Kehle.
"Elender Leichenschänder!" wollte ich ihm entgegenbrüllen, doch aus meiner löchrigen Kehle drang nur ein heiseres Zischen. Der junge Mann schlug panisch um sich. Seine Finger gruben sich in meine ledrige Haut und rissen mehrere große Fetzen heraus. Ich war nicht mehr bereit, das länger zu tolerieren und drückte mit meinen knöchrigen Fingern zu. Ein Krächzen entfuhr dem nächtlichen Störenfried, und ich konnte den unartikulierten Lauten entnehmen, dass er um Gnade bettelte. Mein Mitgefühl mit seinem Schicksal hielt sich zu dieser späten Stunde allerdings merklich in Grenzen, und so hielt ich seinen Hals so lange umklammert, bis der zuckende Körper in meinem Griff erschlaffte.
Von oben hörte ich entsetzte Schreie und sich rasch entfernende, schnelle Schritte des zweiten Mannes auf dem lehmigen Boden. Offensichtlich ist beim Sterben jeder für sich alleine, dachte ich bei mir und schleuderte den Kadaver mit einem kraftvollen Schwung aus dem frisch gegrabenen Loch. Er schlug dumpf auf dem Grab zu meiner Linken auf. Ich hoffte inständig, dass ich dadurch meinen Nachbarn nicht geweckt hatte.
Ein wenig Erde rieselte von oben herab und verfing sich in meinen ausgefressenen Augenhöhlen.
Mürrisch bemühte ich mich, sie frei zu bekommen und legte ich mich wieder auf das fleckige Polsterkissen, das ich noch kurz etwas aufschüttelte. Den schweren Sargdeckel zog ich so gut es ging zurecht. Ich hatte die stille Hoffnung, dass morgen ein freundlicher Totengräber die Schäden ausbessern und das Loch wieder zuschütten würde.
Keine fünf Minuten waren vergangen, seitdem ich wieder friedlich entschlafen war, als etwas leise gegen den Deckel pochte. Erst einmal, dann erneut, dann immer häufiger und beständiger. Kehlig seufzte ich auf.
Jetzt hatte es auch noch angefangen zu regnen …


FIN

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