Montag, 16. Februar 2015

"Der Pakt der Nacht" - 1. Kapitel, unveröffentlichte Version 1.2

Vor zwei Wochen habe ich ja die Version 1.3 des ersten Kapitels von "Der Pakt der Nacht" vorgestellt.

Hier nun die Version 1.2. vom November 2013, auf der der Roman heute im Grund basiert. Nur hat Grace einen ganz anderen Hintergrund und einen Partner, der im Verlauf der Handlung noch eingreift - und in der endgültigen Version durch Timothy Nashburn ersetzt wurde.

Ich habe mich dann zum Schluss doch dazu entschiedenen, eben auf die ursprüngliche Version zurückzugreifen und aus Grace eine Autorin gemacht, die in Abgeschiedenheit an ihrem neuen Roman arbeiten will (wenn seinerzeit noch ohne Liebeskummer ^^).
Oh, und Trish kommt auch kurz vor, auch ganz anders. :D

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Version 1.3, Kapitel 1:

MARC THOMAS

Die Söhne des Mondes



 1.

»Okay, jetzt kannst du es mir ja sagen. Nate will mich loswerden, richtig?«
Grace Porter hörte die Frage und runzelte die Stirn. Sie schüttelte den Kopf und warf ihrem Fahrer einen zweifelnden Blick zu.
»Wie kommst du denn auf den Unsinn?«, fragte sie nach.
George, der Mann hinter dem Steuer, nahm die rechte Hand vom Lenkrad und gestikulierte.
»Ich sage nur zwei Wörter: Cutler’s Rock. Cutler’s Rock! Himmel, das einzig Spannende an dem Ort ist, dass dahinter Kanada beginnt! Und das alleine ist schon eine deprimierende Aussage.«
Grace lachte auf.
»Nein, du kannst ganz beruhigt sein. Ich war es, die dich angefordert hat.«
»Du?«, echote George.
»M-hm«, antwortete die junge Frau und lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze. Sie waren bereits den ganzen Tag von Portland durchgefahren, und langsam schmerzte jeder Muskel in Graces Körper. Zumindest die, die sie noch spürte.
Sie drehte den Kopf zur Seite. »Nate hat mich sogar vor dir gewarnt. Er meinte, ich solle für meinen zweiten Außeneinsatz lieber einen Kameramann mitnehmen, der mir nicht so hart zusetzt, wenn ich einen Fehler mache.«
George Latsakis grinste. »So schlimm bin ich auch nicht. Ich weise Rookies nur gerne auf ihre Schwächen hin.«
»Trish Constanza macht jetzt lieber Verkehrsfunk, Cliff Cornell ist jetzt bei irgendeinem lokalen Radiosender -«, zählte Grace Porter demonstrativ an ihren Fingern ab.
»- und du wolltest ausgerechnet mich Reißwolf?« George zwinkerte ihr zu.
»Ich kann nur aus meinen Fehlern lernen. Und mir ist es lieber, man weist mich deutlich darauf hin.« Grace setzte sich auf und zog den Sicherheitsgurt über ihrem Oberkörper zurecht. »Du bist seit Jahrzehnten bei Channel 3. Keiner am Sender hat so viel Erfahrung wie du.«
»Ja, außer mir ist nur noch der Pförtner länger dabei«, erwiderte George, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Er strich sich mit der linken Hand über sein unrasiertes Kinn und beugte den Kopf vor. Sein Blick ging nach oben, und nur einen Augenblick später stieß er einen grollenden Laut aus.
»Was?, wollte Grace wissen.
»Es fängt an zu regnen«, antwortete der Kameramann und deutete auf die Windschutzscheibe, auf der sich nun die ersten Tropfen abzeichneten.
Die junge Frau sah nun selbst nach oben. Über ihr war das Licht des abendlichen Himmels einem diffusen Grauton gewichen. Sie verzog die Lippen.
»Wie lange brauchen wir denn noch?«, fragte sie.
»Bei trockener Straße hätten wir vielleicht noch eine halbe Stunde gebraucht. Aber hier, mitten im Wald, auf einer unbeleuchteten Landstraße und nasser Fahrbahn ...« George zuckte mit den Schultern, ohne den Satz zu beenden.
Der Regen wurde mit jedem verstreichenden Augenblick stärker. Die Scheibenwischer hatten bereits mit dem Wasser zu kämpfen, das die Frontscheibe in breiten Bächen entlangperlte.
George nahm Geschwindigkeit heraus. Seine ganze Haltung versteifte sich, und seine Hände lagen fest um das Lenkrad. Grace sah ihn von der Seite an, was ihrem Fahrer sofort auffiel.
»Angst?«, fragte er sie und versuchte, sein angespanntes Gesicht durch ein freches Grinsen aufzulockern.
»Um die Ausrüstung. Und den Van«, gab die junge Frau trocken zurück und wirkte dabei so gelassen wie möglich.
Der Mann, der gut zwanzig älter als sie sein mochte, lachte auf.
»Du wirst mal eine gute Nachrichtenleiterin! Immer klar die Prioritäten setzen.«
Er nickte ihr zu und wirkte nun tatsächlich entspannter.
»Danke, das habe ich gebraucht.« George nahm die rechte Hand kurz vom Lenkrad und wies nach vorne. »Ich hasse es, im Regen zu fahren. Vor allem, wenn man wie hier keine zwanzig Meter mehr weit sehen kann. Das sind die alten Routes. An manchen Stellen sind sie nicht viel besser als asphaltierte Feldwege.«
Windböen peitschten den Regen gegen die Karosserie des Ford Transit. Tropfen prasselten mit der Lautstärke von Hagelkörnern auf die Windschutzscheibe. Ohne es verhindern zu können, wuchs die Unruhe in Grace. Sie warf fortlaufend einen Blick aus dem Seitenfenster und versuchte in der Dunkelheit etaas auszumachen. Ab und zu glaubte sie, die schattenhaften Unrisse eines vereinzelten Anwesens an sich vorbeihuschen zu sehen. Doch die breiten Bahnen, in denen der Regen am Glas entlanglief, erschwerten ihr zunehmend die Sicht.
Immer wieder musste George den Wagen ausrichten, wenn ein Windstoß das tonnenschwere Gefährt erfasste und zur Seite drückte. Grace hörte, wie er Flüche auf seinen Lippen zerdrückte, ohne dass sie sie verstanden hätte.
Die junge Frau stieß den Atem aus und legte ihre Finger um den Haltegriff oberhalb der Beifahrertür.
Warum hatte sie sich eigentlich für den Auftrag beworben? Keiner ihrer Kollegen - nicht einmal die, die noch jünger als sie waren - hatte sich darum gerissen, nach Cutler’s Rock zu fahren. Eine kleine Fischersiedlung mit nicht einmal eintausend Einwohnern. Das einzig Besondere am Ort war der alte Navy-Stützpunkt, mit dem im Kalten Krieg U-Boote mit gewaltigen Sendemasten selbst im Eismeer erreicht werden konnte.
Aber um diesen ging es bei den Meldungen nicht. Eine kleine Lokalzeitung hatte einen Beitrag über ungewöhnliche Vorfälle in der Ungebung geschrieben. Angeschwemmte tote Fische, Vögel, die leblos von Himmel fielen, Bäume, die binnen weniger Tage abstarben.
Grace hatte die Meldung aufgeschnappt und sofort einen Bericht dazu vor ihrem inneren Auge gehabt, mit einem Titel wie »Das Sterben des letzten Idylls«. Damit hatte sie auch Nate Czernivsky, ihren Nachrichtenleiter überzeugt. Oder zugelabert, wenn sie an seinen gequälten Gesichtsausdruck gedachte, mit der er ihr schließlich die Unkosten für einen Bericht genehmigte.
Wichtig war ihr, dass es ihr gelungen war, die Zusage zu erhalten und ihre erste eigene Story in eigener Verantwortung aufziehen zu können. Und mit George Latsakis wusste sie einen erfahrenen Kameramann an ihrer Seite. Sie kannte die Erzählungen über ihn, gerade die von Praktikantinnen.
Zumindest bei ihr hatte er sich bisher korrekt verhalten, stellte Grace fest. Selbst seine ständigen Beschwerden über die Strecke, andere Autofahrer, den Sender, die Innenpolitik und Baseball im Besonderen hatten ihren positiven Eindruck von dem Kameramann nur bestätigt.
Er nahm wenigstens kein Blatt vor den Mund und versteckte sich nicht hinter gekonnt geschliffenen Formulierungen wie manche ihrer männlichen Kollegen, die schon von sich überzeugt waren, wenn sie das Wetter ansagen durften.
Grace streckte ihren Oberkörper. Sie würde einen ordentlichen Beitrag abliefern. Und wenn es nichts zu berichten gab, würde sie ein paar der Fischer über ihren harten Alltag befragen.
Sie nickte zufrieden.
Das wird schon, bestätigte sie sich selbst.
Das wird -...
Aus den Augenwinkeln sah sie den wuchtigen Schatten wie in Zeitlupe vor sich auf die Straße stürzen. Grace hörte einen Schrei, ohne sich bewusst zu sein, dass sie ihn selbst ausgestoßen hatte.
Die junge Reporterin deutete nach vorne und wies in Richtung des Baumstamms, der in dieser Sekunde auf dem Asphalt aufschlug. George trat in die Bremsen und riss gleichzeitig das Lenkrad herum. Das Kreischen der Reifen drang selbst durch das prasselnde Geräusch des Regens schmerzhaft zu ihr durch.
Grace stützte sich auf das Armaturenbrett, um den Schwung abzufangen, mit dem sie nach vorne und zur Seite gerissen wurde. Die Sperre des Sicherheitsgurts schnappte. Der Riemen presste sich tief in ihre Brust. Grace keuchte und schnappte nach Luft.
Der Ford prallte gegen einem emporstehenden Ast und wurde angehoben. Sekundenlang schien er in voller Fahrt in der Luft zu verharren und prallte dann zurück auf die Straße. Die junge Frau wurde in ihrem Sitz angehoben und schlug mit dem Kopf gegen die Nackenstütze. farbige akreise zerplatzten vor ihrem Auge. Schwindel erfasste sie, als sie spürte, wie der Van um seine eigene Achse gedreht wurde und nach links sackte.
Und dann herrschte Ruhe.
Selbst der Regen fiel nun gleichmäßig auf das Metall der Karosserie.
’Das klingt richtig entspannend’, ging es Grace durch den Kopf. Sie merkte förmlich, wie sich alles von ihr entfernte und zwang sich dazu, die Augen aufzureißen. Ein heftiger Schmerz pochte in ihrem Schädel. Ihr war so elend zumute, dass sie sich am liebstem übergeben hätte.
Sie bewegte sich in ihrem Sitz und sah sich um. Die Scheinwerfer erfassten die Krone des umgestürzten Baums. Grace konnte ein Stück des Asphalts sehen, sowie ein umgerissenes Schild mit einer schwarzen ’191’ auf weißen Grund.
Der Wagen war mit dem Heck in den Seitengraben zu ihr Linken gefahren. Die junge Frau sah sich um, und erst jetzt nahm sie die Gestalt neben sich wahr. Erst jetzt erinnerte daran, nicht alleine im Wagen zu sitzen.
»George!«, stieß sie aus und war erschrocken über den Klang ihrer eigenen Stimme. Sie beugte sich vor und wurde vom Sicherheitsgurt zurückgehalten. Grace fluchte und drückte auf den Verschluss, um den Gurt zu lösen.
George Latsakis reagierte nicht auf ihre Zurufe. Grace griff nach seinem rechten Handgelenk. Erleichtert atmete sie auf, als sie den Puls spürte. Schwach, aber regelmäßig.
Die junge Frau hangelte sich über ihren Fahrer hinweg und drückte den Schalter für das kleine Licht oberhalb der Fahrertür. Für einen Moment musste sie selbst die Augen schließen, als das Licht die Dunkelheit zerschnitt. Im selben Augenblick aber hörte sie George stöhnen.
»Verdammt, mach das Licht aus!«, löste es sich von seinen Lippen.
Grace entfuhr ein heiserer Klang. Zum einem Lachen fehlte ihr die Kraft. Sie sank auf ihre Sitz und musste tief durchatmen. Selbst diese wenigen Bewegungen strengten sie an.
Minuten vergingen, in denen nicht mehr zu hören war außer dem Atem der beiden Menschen.
»Geht’s dir gut, Kleines?«, fragte George in die Stille hinein. »Alles dran?«
Grace hatte nicht die Kraft, um sich über das ’Kleines’ aufzuregen. Sie hatte bisher nicht einmal darüber nachgedacht, ob sie verletzt war. Wie um sich zu vergewissern, bewegte sie ihre Arme und Beine und tastete sich ab. Außer einem leichten Schmerz in der rechten Schulter schien sie wohluf zu sein. Selbst das Schwindelgefühl ließ nun langsam nach.
»Ich glaube, es geht mir gut«, stellte sie fest.
George antwortete mit einem rauen Lachen. »Fakten, Grace. Fakten. Wir machen Nachrichten. Glaube ist etwas für Weihnachten.«
»Es geht mir gut!«, fauchte sie ihn an.
Es vergingen ein paar Sekunden, bis ihr Fahrer antwortete. »Das ist gut.« Sein Kopf kippte zur Seite und legte sich gegen das Glas des Seitenfensters. »Mir geht’s beschissen. Mein Blick verschwimmt. Ich fühl’ mich wie auf rohen Eiern.«
George deutete mit dem Zeigefinger über seine Schulter. »Kannst du das Licht ausmachen. Es schmerzt in den Augen.« Seine Hand fiel kraftlos nach unten.
»Selbstverständlich, murmelte Grace und streckte sich, um den Lichtschalter zu erreichen. Sie drückte den kleinen Knopf. Augenblicklick umgab sie wieder eine kaum zu durchdringende Dunkelheit.
Grace hörte ein leises ’Danke’ aus Georges Richtung und betrachtete ihn mit sorgenvoller Miene. Sie musste so schnell wie möglich Hilfe holen. In dieser abgelegenen Gegend konnten Stunden vergehen, bis ihnen ein anderer Wagen begegnete, erst recht bei diesem Wetter.
Die junge Frau legte ihre Hand auf die Seitentasche ihrer Outdoorjacke und atmete innerlich auf, als sie ihr Smartphone ertastete.
Der Reißverschluss öffnete sie nit einem leisen Schnarren. Grace zog das Mobiltelefon auf und drückte auf den Knopf am unteren Ende. Das Display leuchtete auf. Die junge Frau wischte mit einem Finger über das Glas. Erleichtert stellte sie fest, dass das Gerät noch zu funktionieren schien.
Sie warf einen Blick auf die Balken für die Empfangsleistung. Kein einziger der Balken leuchtete auf. Und darunter prangte in kleinen Buchstaben ’kein Dienst verfügbar’.
Grace presste die Lippen aufeinander. Trotz der Anzeige rief sie die virtuelle Tastatur auf und drückte 9-1-1.
Das animierte Wahlzeichen blinkte auf und erlosch nach wenigen Augenblicken wieder. Die Reporterin wiederholte die Eingabe. Mit demselben Ergebnis. Sekundenlang starrte sie auf das Display und wusste nicht, was sie machen sollte.
»Kein Netz«, stellte sie schließlich mit brennenden Augen fest.
George gab einen brummenden Laut von sich.
»Wir sind hier zu abgelegen«, sprach sie mehr zu sich selbst. »Und die Bäume schirmen erst recht alles ab.«
Grace warf einen Blick nach draußen. Zu ihrer Rechten musste das Meer liegen, wenn sie die Straßenkarte im Internet noch richtig im Kopf hatte. Vielleicht ein paar hundert Yards entfernt. Dort musste sie einen klaren Empfang haben. Der Boden lief flach bis zur Küste aus.
Für ein paar Sekunden haderte sie mit sich. Alles in ihr weigerte sich, in dieser Dunkelheit in einer ihr vollkommen fremden Gegend durch einen Wald zu laufen.
Doch ihr Verstand wusste, dass es die einzige Chance war, Hilfe zu rufen. Sie alleine konnte den festgefahrenen Wagen nicht freibekommen. Und George musste dringend medizinisch versorgt werden.
»Ich geh’ raus«, teilte sie ihm mit und erzählte ihm, was sie vorhatte. Selbst wenn er sie davon hätte abhalten wollen, hätte ihm dazu die Kraft gefehlt.
»Taschenlampe«, sagte er mit schwacher Stimme und deutete auf das Handschuhfach. Grace öffnete die Klappe und schaltete ihr Smartphone ein, um in dessen Lichtschein etwas erkennen zu können.
Sie fragte sich nicht, wann dort zum letzten Mal sauber gemacht wurde und zog mit spitzen Fingern den schwarzen Zylinder der Maglite hervor.
»Ich bin gleich wieder da«, erklärte sie ihrem Fahrer. Sie konnte nicht sagen, ob er es überhaupt mitbekommen hatte hatte. Grace stieß die Beifahrertür auf und hangelte sich ins Freie. Sie warf George einen Blick und und schloss die Tür.
Der leichte Regen legte sich wie eine kühlende Schicht auf ihre erhitzte Haut. Grace öffnete den Mund und atmete durch. Mit jedem Atemzug klärte sich ihr Kopf. Sie trat ein paar Schritte zurück und betrachtete sich den Ford.
Von hier aus sah der Schaden nicht einmal schlimm aus. Der Wagen lag auf der Seite, wies aber keine sichtbarem Beschädigungen auf. Selbst die Motorhaube wies nur wenige Dellen auf. Einzig die linke Frontseite war eingedrückt und die Scheinwerfer gesplittert.
Grace schüttelte den Kopf. Sie hatten unglaubliches Glück gehabt, auch wenn George das sicher anders sehen mochte.
Der Wind zerzauste ihr korngelbes Haar, das sie mit zwei Spangen nach hinten gesteckt hatte. Zuerst versuchte sie noch, die einzelnen Strähnen zurückzuwischen, gab aber schließlich auf. Im Augenblick hatte sie andere Sorgen als eine tadellos sitzende Frisur.
Grace schaltete die Taschenlampe an. Die LED-Leuchten flammten auf. Ein heller Lichtkegel zerteilte die Dunkelheit. Die junge Frau sah, wie locker die Baustämme standen. Es gab kaum Unterholz, das ihren Marsch erschweren würde.
Zufrieden nickte sie und zog den Reißverschluss der Jacke bis ganz nach oben. Sie versteckte ihr Kinn hinter dem Kragenteil, das sich mit zwei Druckknöpfen schließen ließ.
Erneut warf sie über die Schulter einen Blick zum Van und lief dann los.

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